20 Jahre Verein Haus der Religionen – Beitrag 3/2022 – «Kraft und Dankbarkeit»

KRAFT UND DANKBARKEIT

Mit dem Hindutempel im Haus der Religionen verbinde ich die süsse Mangofrucht. Sie steht für Kraft und Langlebigkeit und wird in den Veden (Schriften des Hinduismus) als Götterspeise bezeichnet. Jeden Sommer beteiligt sich meine Familie aktiv am grossen Mangofest, das im Rahmen des zwölftägigen Jahresfestes stattfindet. Mit diesem Fest erinnern wir uns an die Geschichte von Gott Siva und seiner Frau Parvati, die jenem ihrer Söhne eine besonders süsse Mango versprechen, welcher als erster die Welt umkreist. Der Sohn Murugan fliegt auf seinem Pfau los, um möglichst schnell die Erde zu umrunden, unterdessen schreitet der gemächliche Ganesha einmal im Kreis um seine Eltern und gewinnt die Mango.

Wenn ich als BernMobil-Tramfahrer beim Europaplatz vorbeifahre, bin ich stolz auf meine tamilischen Wurzeln, auf meine Sprache, meine Kultur und meine Religion und es ist für mich eine grosse Freude zu sehen, dass so
viele Menschen verschiedener Religionen sich nun für unsere Kultu interessieren und unseren Tempel besuchen. Als ich 1990 in die Schweiz gekommen bin, habe ich nicht einmal gewagt zu träumen, dass meine Religion hier einen Platz finden wird. Obwohl es in der Schweiz mittlerweile viele vegetarische (Hindu-) Tempel gibt, gilt derjenige im Haus der Religionen als der berühmteste und wichtigste, ein für alle sichtbares Zeichen der Anerkennung. Als Fahrer eines öffentlichen Verkehrsmittels transportiere ich alle Menschen und frage nicht, ob sie ein GA, eine Tageskarte oder eine
Einzelfahrkarte besitzen. So sollen auch im Tempel alle Menschen willkommen sein.

Demut und Respekt sind neben Liebe und Gewaltlosigkeit zentrale Werte im Hinduismus. Es ist üblich, dass sich beide Füsse beim Betreten eines Tempels zusammen verbeugen. Nicht nur privat beim Besuch des Tempels, auch als Tramfahrer der Linie 7 oder 8 erbringe ich dieses Zeichen des Respekts: Instinktiv schliessen sich meine Beine und verbeuge ich mich in meiner Fahrerkabine am Europaplatz.

Wir Tamilen sind der Schweizer Regierung und dem Schweizer Volk zu Dank verpflichtet, dass sie uns respektieren, uns alle Einrichtungen, eine unparteiische Beschäftigung und eine unparteiische Staatsbürgerschaft zur Verfügung stellen. Dafür betrachte ich auch das Parlament der Schweizer Republik als meinen Tempel und verbeuge mich mit beiden Händen im Namen meines tamilischen Volkes.

Rasalingam Balamurugan

Bei Fragen können Sie gerne mit uns Kontakt aufnehmen:

Haus der Religionen – Dialog der Kulturen
Europaplatz 1
CH – 3008 Bern

+41 31 380 51 00 (Montag bis Freitag von 9.00 – 12.00 Uhr)
info@haus-der-religionen.ch

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