Religionen und geschlechtliche Vielfalt – Erste queere interreligiöse Feier in Bern

Religionen und geschlechtliche Vielfalt. Gottes Liebe gilt allen Menschen.

Erstmals hat in Bern eine queere interreligiöse Feier stattgefunden. Queere und nicht-queere Menschen aus Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Christentum und Islam gestalteten den Anlass im Rahmen der BernPride, der am 3. August in der Kirche St. Peter & Paul stattgefunden hat.

Von Mathias Tanner, Mitarbeiter Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn

In vielen Ländern werden queere Menschen abgewertet, diskriminiert, verfolgt und teilweise sogar umgebracht. Solches Verhalten wird auch religiös begründet, sagte Johannes Matyassy, Präsident des Hauses der Religionen in Bern, in seinem Grusswort. «So sagen einige religiöse Menschen, dass es nur Mann und Frau gebe und dass Liebe und Sexualität nur zwischen ihnen stattfinden solle. Alles andere sei widernatürlich und gegen den Willen Gottes.» Die multireligiöse Feier wolle solcher religiös begründeten Queerfeindlichkeit entgegenwirken.

Gott ist die Liebe
Frank Bangerter, Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz, betonte, dass Vielfalt ein Geschenk Gottes ist und jede Form von Liebe heilig. Er stellte der Erfahrung religiöser Verletzungen die Botschaft entgegen, dass Gott nicht Kontrolle oder Enge sei, sondern Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Heilige Texte dürften nicht zur Ausgrenzung missbraucht werden, sondern eröffneten Wege zu neuen, lebensfördernden Deutungen. Eine ähnliche Botschaft verkündete der Hindupriester Sasikumar Tharmalingam vom Haus der Religionen: «Gott ist nicht Zorn, nicht Gewalt, nicht Macht. Gott ist Liebe. Liebe ist wahre Stärke. Nur wer wahrhaft liebt – rein, mitfühlend und ohne Eigennutz, trägt diese göttliche Kraft in sich. In ihrem Herzen wohnt Shiva, als stille Stärke, als Licht in der Tiefe.»

Gleichgeschlechtliche Liebe
Im muslimischen und jüdischen Beitrag ging es unter anderem um eine queerfreundliche Übersetzung einer Koran- und einer Bibelstelle zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe. Der muslimische Theologe Kerem Adigüzel vom Verein Al-Rahman widmete sich dem Thema Partnerschaft. Er zitierte dazu den Koran-Vers 30,21: «Und unter Seinen Zeichen ist, dass Er euch aus eurem Selbst Partnerwesen erschuf, damit ihr bei ihnen Ruhe findet. Und Er legte zwischen euch Zuneigung/Liebe und Barmherzigkeit.» Das arabische Wort, das hier als ‘Partnerwesen’ übersetzt ist, sei geschlechtsneutral. Es wird aber häufig geschlechtsspezifisch mit ‘Gattinnen’ übersetzt, was den Einfluss einer heteronormativen Lesart aufzeigt.

Rolf Stürm vom jüdischen queeren Verein Keschet stellte in seinem Beitrag eine alternative Übersetzung der Bibelstelle Leviticus 18,22 vor, welche oft wie folgt übersetzt wird: «Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.» Der Satz kann laut Stürm durch eine alternative Vokalisierung der hebräischen Konsonantenschrift auch wie folgt übersetzt werden: «Und mit einem Manne sollst Du nicht schlafen, wenn ihr mit einer Frau schläft».

Intergeschlechtlichkeit und Nonbinarität
Im christlichen und buddhistischen Beitrag ging es unter anderem um die Themen Intergeschlechtlichkeit und Nonbinarität. Ari Yasmin Lee ist Jüdin und reformierte Theologin, intergeschlechtlich und bisexuell. Sie sagt, sie sei keine Ausnahme, sondern ein Zeichen: «Ein Zeichen dafür, dass Gottes Wirklichkeit größer ist als jede Schublade, jeder binäre Kasten, jedes Dogma. In Psalm 139 heisst es: „Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche, wunderbare Weise gemacht bin.“ Wunderbar. Nicht: eindeutig, korrekt oder normgerecht. Sondern: wunderbar.»

Mel von der Queer Sangha Bern, einer Gemeinschaft von buddhistischen Praktizierenden, sprach in ihrem Beitrag über Avalokitesvara – ein Wesen, welches Mitgefühl verkörpert. Es wird weiblich, männlich oder nonbinär dargestellt. «Das zeigt: Mitgefühl ist eine Haltung des Herzens, nicht gebunden an Normen, limitiert durch geschlechtliche Kategorien. Es fragt nicht nach Begehren, Herkunft oder Identität. Würde und Mitgefühl sind kein Privileg für einige – sie gehören allen.»

Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn: Ensemble-Ausgabe vom September 2025

Fotos: © Dominic Brügger

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