Laila Sheikh leitet seit einem Jahr das Haus der Religionen in Bern. Hier spricht sie über das, was das Haus ausmacht, und die Schritte, mit denen sie die Finanzierung und Ausstrahlung dieser Institution sichern will.
«pfarrblatt»: Sie sind nun ein Jahr Geschäftsführerin. Sind Sie noch immer angetan von Ihrer Aufgabe?
Laila Sheikh: Ja, ich finde das Haus der Religionen nach wie vor einen der abwechslungsreichsten, spannendsten und inspirierendsten Orte, an denen man arbeiten kann. Das Haus steckt voller Möglichkeiten. Meine Aufgabe als Geschäftsführerin ist Marathon und Sprint zugleich, es ist eine unglaubliche Bandbreite an Aufgaben. Das geht vom programmatisch Inhaltlichen zum Betrieblichen, zur Kulinarik. Es kommt sehr viel zusammen, und das entspricht mir sehr.
Sie haben bereits für das Haus der Religionen gearbeitet. Was schätzen Sie und was finden Sie schwierig an Ihrer neuen Rolle?
Sheikh: Das Erfreuliche ist der enorme Rückhalt. Das Wohlwollen in Bern und darüber hinaus, der Stolz auf unser Haus. Das Schwierigste ist die Lücke zwischen dem, was wir leisten könnten, wenn wir die finanziellen Möglichkeiten hätten, und dem, was mit unseren begrenzten Ressourcen tatsächlich realisierbar ist.
Das Jahr 2024 haben Sie mit einem Defizit von rund 300000 Franken abgeschlossen…
Sheikh: 2024 wurden gewisse Beiträge, mit denen wir gerechnet hatten, nicht gesprochen. Dann gab es Personalwechsel, die nicht geplant waren, ein Jubiläum und gewisse andere Ausgaben, die teurer waren als budgetiert. Diese Gründe führten zu dem Defizit. 2025 haben wir aber mit einem guten Ergebnis abgeschlossen, und das Defizit von 2024 ist gedeckt.

Haus der Religionen, Vorderfront und Eingangsbereich. Das Defizit von 2024 ist mittlerweile wieder gedeckt. Foto: Stefan Maurer
Was unternehmen Sie, um das Haus langfristig finanziell abzusichern?
Sheikh: Auf Ende dieses Jahres wollen wir unser Fundraising professionalisieren. Entweder vergeben wir ein Mandat oder diese Aufgabe wird ein fester Bestandteil unseres Teams, das wäre der Idealfall. Allein von der vielen Wertschätzung, die wir immer wieder erfahren dürfen, können wir uns leider nicht finanzieren. Letztlich wollen wir noch klarer und besser kommunizieren, was das Haus der Religionen für unsere Gesellschaft leisten kann.
Was leistet denn das Haus der Religionen konkret für die Gesellschaft?
Sheikh: Das Haus der Religionen ist ein weltweit einzigartiges Modell und Labor für das gesellschaftliche Zusammenleben. Ich kann Ihnen dies vielleicht am besten mit einem typischen Höhepunkt aus dem letzten Jahr verdeutlichen.
Bitte.
Sheikh: Ich erinnere mich an eine Gruppe, die ich an einem öffentlichen Rundgang begleitete. In jedem sakralen Raum begegnete sie zufällig Menschen, die bereit waren, offen Auskunft zu geben. In der Moschee war es ein 17-jähriger junger Mann. Er sagte: «Ich erzähle Ihnen gerne etwas über meine Religion und meine Herkunft.» Dann berichtete er, dass er mit 13 Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet sei, hier zur Schule gehe, eine Ausbildung mache und Jugendliche im Sport trainiere. Die Moschee sei für ihn ein wichtiger Ort. Und es sei ihm wichtig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, damit sie nicht nur Vorurteile hätten oder schlecht über Muslim:innen dächten.
…Das Haus der Religionen schafft einen niederschwelligen Begegnungsort…
Sheikh: Genau, solche unerwartete Begegnungen ermöglichen zu können, finde ich eine unglaubliche Chance. Kürzlich kam eine malaysische Delegation aus einem muslimischen Teilstaat zu uns ins Haus der Religionen und sagte: «Wir möchten von ihnen lernen, wie wir unser interoder multireligiöses Leben in Malaysia verbessern können.» Hier kann das Haus der Religionen zeigen, dass ein solches Projekt möglich ist, dass es lebensfähig ist und dass ein Labor des Zusammenlebens funktioniert. Den Beweis dafür erbringen wir eigentlich täglich selbst.
Auch dafür, dass dieses Zusammenleben zuweilen herausfordernd und anstrengend ist?
Sheikh: Ja, so ist es. Wir nennen uns mit viel Überzeugung Labor. Das Haus der Religionen ist ein Experiment, es ist nie fertig. Ich glaube, lange dachte man, irgendwann ist das Haus fertig gebaut und dann sind wir einfach da. Nun stellt sich heraus, dass es immer wieder Anpassungen braucht, dass sich die Gesellschaft verändert, dass sich die Generationen weiterentwickeln, dass jüngere Leute neue Bedürfnisse haben, dass sich neue Fragen ergeben, auf die wir reagieren. Gleichzeitig wollen wir gewissen gesellschaftlichen Entwicklungen auch einen Schritt voraus sein.
Dieses permanente Austarieren und Weiterentwickeln ist ein sehr kreativer Prozess. Und das ist sicher auch etwas, was mir sehr gefällt an diesem Kurs und an meiner Aufgabe. Dieses Haus bietet sehr viel Raum für genau diese Fragen, diese Auseinandersetzungen, diese Weiterentwicklung. Das hat auch etwas mit dem Gebäude selbst tun. Hier im Haus der Religionen findet der tägliche Austausch statt: Jede Gemeinschaft sieht, dass die andere eigentlich mit den gleichen Herausforderungen ringt – und auf genau diese Art und Weise wird die Vereinzelung oder Isolierung in der eigenen Gemeinschaft aufgebrochen.

Viele Projekt und Zusammenarbeiten sind geplant. Foto: Stefan Maurer.
Von welchen Herausforderungen sprechen Sie?
Zum Beispiel von der Schwierigkeit, die Religionsgemeinschaften haben, die nicht öffentlich-rechtlich anerkannt sind. Die Mühen, sich zu finanzieren, qualifiziertes Personal zu finden, unzählige freiwillige Überstunden zu leisten… Wir kennen in der Schweiz zwar die Religionsfreiheit. Was bedeutet dieses soziale Grundrecht aber konkret, wie soll dieses erfüllt werden? Ist das eigentlich gerecht, wenn wir Gemeinschaften haben, die ganz wenig Mittel haben, aber genauso viel oder noch mehr Bedürfnisse und Gemeinschaften, die sehr gut finanziert und staatlich anerkannt sind? Das ist ein Spielfeld, das eigentlich nicht mit einheitlichen Spielregeln funktioniert.
Was tun Sie in Ihrem zweiten Amtsjahr, dass das Haus der Religionen noch besser sichtbar wird?
Wir wollen mit verschiedenen Kooperationen noch mehr ins Stadtzentrum von Bern. So planen wir zum Beispiel mit dem Naturhistorischen Museum für eine Ausstellung – «Oh mein Gott. Wissen wir zu viel, um noch zu glauben?» – ein Rahmenprogramm. Für 500 Jahre Berner Reformation gestalten wir ein Rahmenprogramm mit. Für die Eidgenössische Jugendsession steuern wir Inhalte zur Thematik Religionsfreiheit bei. Und nicht zuletzt freuen wir uns sehr auf unser neues Wimmelbuch. Ein weiteres, sehr gutes Tool, um das Haus der Religionen bekannt zu machen und ein Schaufenster gegen aussen zu haben.
Sie geben aber gleichzeitig mit der Gastronomie ein wichtiges Schaufenster und einen Kontaktpunkt aus der Hand – warum?
Den Brunch Interkulturell behalten wir wie gewohnt bei. Aber wir lagern die Gastronomie ab 1. August aus. Der Hindu-Verein gründete eine GmbH und diese wird mit dem Haus der Religionen einen Pachtvertrag abschliessen. Die GmbH hat viele Auflagen, sie müssen immer auch koschere und vegetarische Gerichte anbieten. Der Pachtvertrag ist ein Pilotprojekt und auf ein Jahr befristet. Danach schauen wir. Wir sind wie gesagt ein Labor und haben gemeinsam nach einer Lösung gesucht. Der ganze Vorstand, alle Religionsgemeinschaften – alle Beteiligten – sind zu dieser Lösung gekommen. Die Meinung ist einhellig: Okay, wir versuchen das.
Haus der Religionen
Laila Sheikh (*1971) war von 2001 bis 2023 als Diplomatin beim EDA in verschiedenen Positionen tätig. Seit Juni 2025 leitet sie das Haus der Religionen. Das Haus der Religionen finanziert sich aus Spenden und Zuwendungen von Kulturstadt Bern (jährlich Fr. 300000), der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn (pro Jahr Fr. 120000, von 2027 bis 2030 Fr. 150000) und der katholischen Kirche Bern (jährlich Fr. 50000).
Namentlich wird das Haus unter anderem von der Rudolf und Ursula Streit Stiftung mit Fr. 500000 über fünf Jahre unterstützt, und die Herrnhuter Sozietät steuert Fr. 30000 für die kommenden zehn Jahre bei. Daneben erhält die Institution kleinere Zuwendungen von weiteren Stiftungen sowie Kirchgemeinden und private Spenden. Um breit wahrgenommene Vermittlungsprojekte zu stemmen, ist das Haus auf zusätzliche Einnahmen angewiesen.













